Eine Frage der Höflichkeit

blankomat_bitte_schoenLeute, ich bin verunsichert. Ja, manchmal geht das schnell. Diesmal aber kam das langsam und schleichend. Denn genau in diesem Tempo haben sich ein paar Dinge in unserem Umgang miteinander verändert und sind heute an einem Stand, der mir fremd vorkommt. Es geht um die kleinen Dinge im täglichen Miteinander. Ich bin weißgott kein Benimmpapst, so weiß ich beim Essen allenfalls sicher, dass man das Besteck von aussen nach innen je Gang verwenden, die Gabel zum Mund führt und nicht andersherum, mit geschlossenem Mund kaut und so weiter. Aber ein paar Prinzipien habe ich darüberhinaus schon:

So finde ich es selbstverständlich, dass man z. B. auch an der Supermarktkasse zunächst freundlich Grüßt und dann mit Bitte/Danke weitermacht, wenn es um die weiteren Handgriffe geht. Auch beim Bestellen beim Bäcker tut doch ein „Ich hätte gerne [Hier bitte Bestellung von Teigwaren eintragen], bitte.“ nicht weh, sondern gibt der Transaktion eine gewisse Würde. Sogar der Blankomat hat das drauf!

Was ist daraus geworden, dass man sich die Hand vor den Mund hält beim Gähnen? Ich halte nichts von offensiv dargebotenen Plombensammlungen und Mandelausstellungen. Hält man sich neuerdings nicht mehr die Tür auf, wenn man vor jemandem durch eine Tür geht und diese zurückschwingt? Und wenn am Bahnhof eine ältere Dame mit ihrem schweren Koffer vor der Treppe verzweifelt seufzend inne hält nimmt man ihr das gute Stück doch bitte ab und trägt es mit nach oben, oder? Von Anklopfen, Ausreden lassen, Platz anbieten, Pünktlichkeit, Sauberkeit etc. will ich gar nicht anfangen.

Bin ich der einzige, dem auffällt, dass der Umgang miteinander rauher geworden ist? Kommt das nur mir so vor? Bin ich da zu emfindlich? Was ist passiert? Sind wir in der Unterzahl?

  11 comments for “Eine Frage der Höflichkeit

  1. 1. Oktober 2009 at 20:26

    Ein freundliches Hallo,

    >Bin ich der einzige, dem auffällt, dass der Umgang miteinander >rauher geworden ist? Kommt das nur mir so vor? Bin ich da zu >emfindlich? Was ist passiert? Sind wir in der Unterzahl?

    Der Artikel trifft meine Gedanken.
    Ich vermisse auch den höflichen Umgang miteinander, zeigt er doch
    Wertschätzung im miteinander.

    LG
    Wolfgang Stichler

  2. 1. Oktober 2009 at 20:36

    Ja, wir sterben aus. Pünklichkeit ist die erste Form der Höflichkeit. Nur bei Leuten, denen ich nicht die nötige Wertschätzung entgegen bringen mag, fahr ich auch mal ein paar Minuten später los.

    Bitte/Danke, gut gemacht, toll sind leider Worte, die wir in absehbarer Zeit im historischen Teil des Dudens finden werden… So sagte man, damals.

    Aber: Behalten wir unsere Gesten, unsere Höflichkeit bei. Wenn dann doch ab und an mal was zurück kommt tut das doch immer gut…

  3. ichhebgleichab
    1. Oktober 2009 at 20:36

    Mir ist in letzter Zeit eher etwas anderes aufgefallen, nämlich die krampfhafte Höflichkeit der VerkäuferInnen. Mindestens dreimal „Bitte“ und „Danke“ und „einen schönen Tag“ noch. Das geht mir ehrlich gesagt ziemlich auf die Nerven und läßt mich eher schweigsam werden.
    Und älteren Leuten helfen zu wollen ist ein Thema für sich. Ein Herr hätte mich fast mit Blicken erdolcht, als ich ihm beim Aussteigen aus dem Zug mit dem Koffer helfen wollte. Und als ich neulich einer alten Dame ihren Einkaufstrolly die Treppe raufhieven wollte, hat sie mich richtig angefaucht, daß ich das lassen solle und sie mich nicht darum gebeten hätte. Nicht gerade ermutigend.
    Ach ja, und das mit der Tür aufhalten klappt eigentlich immer, wenn ich einen kurzen Rock anhabe. Probier das doch einfach mal aus ;)

  4. 1. Oktober 2009 at 20:45

    Ich bin ganz und gar Deiner Meinung, gestehe dabei aber jedem Menschen mal nen schlechten Tag zu.
    Sauberkeit aber ist ein absolutes Muss. Was die Leute zu Hause liegen und stehen lassen ist mir egal, ich bin es aber leid im Büro oder sonst wo den Müll der anderen wegzuräumen.
    Ausreden lassen & Anklopfen…. muss man da überhaupt drüber reden. Anscheinend ja. Höflichkeit ist nicht jedermanns Sache, manche Dinge sollten aber selbstverständlich sein.
    Ein bisschen Respekt dem anderen Gegenüber hilft nicht nur einem selbst….

    Meiner Vorrednerin kann ich mich in einem Punkt anschließen: je kürzer der Rock, desto freundlicher die männlichen Mitmenschen. Ausprobierenswert finde ich das aber nicht.
    Ich plädiere auf gleichen Respekt für jeden, egal welchen Geschlechts, Alters oder Rasse!

  5. 1. Oktober 2009 at 20:54

    Hallo Karsten,

    ich kann mich Deinen Worten nur anschließen. Auch mir kommt es immer häufiger so vor, dass „Standardhöflichkeiten“ (s.o.) vollkommen von der Bildfläche verschwunden sind und man sich beim Einsatz solcher sofort als ein Urgetier prähistorischer Zeiten outet. Mir ist das ziemlich egal und ich denke nicht daran mit den Wölfen zu heulen. Es liegt ganz alleine an uns zu entscheiden, ob die Formen der Höflichkeiten in den nächsten Jahren noch erhalten bleiben oder nicht.

    LG/S

  6. Christian
    1. Oktober 2009 at 21:17

    Sehr gut geschrieben. Ich muss da nicht mal „so weit weg“ denken. Ich habe Kollegen die grüssen bzw verabschieden sich nicht, obwohl sie an einen direkt vorbei gehen. Ich werde diese Personen grüssen, immer, gerade die.
    Ich habe mir zum Beispiel angewöhnt wenn ich eine Mail erhalte mit einer Zulieferung/ Antwort das ich dann ein „danke“ zurückmaile.

  7. 2. Oktober 2009 at 09:28

    Ich denke nicht, daß der Umgang grundsätzlich so viel rauher geworden ist. Der Blick nach hinten ist ja meist ein eher wohlwollender und ich ertappe mich auch manchmal bei dem Gedanken „Das war früher anders/besser“. Ich begegne Unhöflichkeit immer mit ausgesprochener Höflichkeit. Das bewirkt dann immer zwei Dinge: Entweder der Gegenüber fühlt sich nicht ernst genommen und ärgert sich (was mir angesichts seiner Unhöflichkeit ein kleinwenig Genugtuung verschafft) oder er erwacht aus seinem Dornröschenschlaf und reagiert ebenfalls freundlich. Gerade an der angesprochenen Supermarktkasse funktioniert das prima. Die meisten Kassiererinnen warten doch nur darauf, daß mal jemand nett zu ihnen ist – und das ganz ohne Vorschußlorbeeren. Wenn jemand grimmig guckt, einfach mal anstrahlen – man wird meistens belohnt :-)

  8. 2. Oktober 2009 at 10:26

    Danke für diesen Artikel! Die Könige sterben aus …

  9. penn_y_lane
    8. November 2010 at 12:11

    Danke, das trifft genau meine alltäglichen Aufreger. Als regelmäßige Nutzerin des ÖPNV fällt mir immer wieder auf, dass nicht nur der Omi kein Sitz angeboten wird sondern auch nicht kleinen Kindern, die schon bei einer ganz normalen U-Bahn Bremsung zum Wurfgeschoss mutieren.

    Schon gar nicht wird Mamas mit Kinderwagen bei Treppen geholfen, im Gegenteil, beobachte ich regelmäßig hämisches Grinsen bei den zugegenen Herren, wenn ich in hohen Schuhen mit anpacke. Und glaubt mir so ein Kinderwagen plus Beladung kann ganz schön schwer sein.

    Und bevor ich mich noch weiter aufrege, solls das erst mal gewesen sein.

    • Karsten Sauer
      8. November 2010 at 14:48

      Überrascht mich leider nicht. Vielleicht sollte ich den Blogpost alle halbe Jahre mal wieder aus der Kiste holen. ;-)

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