Social Ikarus

Bild: Augenblick (Flickr)

Aufmerksamkeit ist etwas Tolles. Sie tut gut, sie wärmt uns und: ist im Internet leicht zu bekommen, zumindest auf Plattformen wie Twitter oder Facebook. Hierfür muss man auf den ersten Blick gar nicht so viel tun. Da reicht es, wenn User viel von sich preis gibt. Und je persönlicher, je privater, umso mehr Neugierige stürzen sich auf den Nachrichtenstrom wie auf ein Boulevardmagazin oder die Bildzeitung.

Klar, es geht im Social Web um mehr als das Aufmerksamkeitserheischen, aber das ist ein Mechanismus, den ich fasziniert beobachte. Ein Phänomen, das ich (leider) in letzter Zeit mehrfach beobachten musste habe ich den Social Ikarus getauft. Die Parallele zur Figur aus der griechischen Mythologie wird schnell deutlich. Für manche User ist diese schnell wachsende Aufmerksamkeit so anziehend, so verführerisch, dass sie ihr mit fast allen Mitteln entgegen streben und … abstürzen.

Hausaufgabe nicht gemacht.

Dabei wird dann ein sehr wichtiger Schritt übersprungen, den jeder vornehmen sollte, der im Social Web unterwegs ist: Die Definition der persönlichen Grenzen, die Entscheidung ‚Wem möchte ich was preis geben? Wie gehe ich mit den Themen Familie, Gesundheit, Arbeit, Frust, etc. um? (Siehe dazu auch den Blogpost Social Zwiebel). Die persönliche Privacy Policy, die persönlichen Social Media Guielines!

Welchen Effekt hat es, wenn sich jemand dieser Grenzen nicht bewusst ist oder sie sehenden Auges auf der Suche nach größtmöglicher Aufmerksamkeit ignoriert? Er twittert sich um Kopf und Kragen! Nach und nach wird mehr privates, z. T. intimes getwittert und sich an der wachsenden Aufmerksamkeit erfreut! Und Twitter ist schnell, so dass die Belohnung unmittelbar erfolgt. Followerzahlen steigen (für viele noch immer das alleinige Maß aller Dinge) und die @mentions und DMs kommen in Massen herein. Aber das geht nicht unbegrenzt so weiter. Irgendwann kommt Ikarus zu nah an die Sonne und der Wachs an den Flügeln schmilzt und er stürzt an. O. K., Ikarus hatte seinen Übermut als Motiv, aber ich fand das Bild so schön passend.

Absturz

Der Absturz manifestiert sich darin, dass derjenige derart Eingebunden in den Mechanismus vom Offenbaren und der damit verbundenen Aufmerksamkeit ist, dass er sich schon verbiegt, um den gezüchteten Erwartungen gerecht zu werden. Und hier trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Wohl dem, der das noch rechtzeitig merkt, gegensteuert und sich besinnt. Wehe dem, der es soweit treibt, bis er sich komplett verabschiedet, weil er ernstlich seelischen Schaden genommen hat.

Zum Thema haben Julia (@zauberfrau) und Ina (@mainhattan_girl) sehr schön gebloggt. Und weil beides schlaue Mädels sind haben sie die richtigen Schlüsse aus den Mechanismen bei Twitter gezogen und konsequent reagiert.
Julias Post: Ich habe Kenny getötet.
Inas post: Vom C zum Z-Twitterer

Negativbeispiele gibt es auch, aber die benenne ich hier nicht. Da wird sich verbrannt, dicht gemacht und wenn der Entzug groß genug ist dort weiter gemacht, wo man aufgehört hat. Faszinierend, aber tragisch zu beobachten.

Fazit: Kenne Deine Grenzen und halte sie konsequent ein. Überprüfe sie regelmäßig – auch den Grad der Einhaltung. Dann kann eigentlich nichts schief gehen.

(Warum schreibt der Sauer all das? Isser selbst abgestürzt? Nee, isser nicht, danke der Nachfrage. Aber ich habe die Wärme der Sonne selbst schon verstärkt wahrgenommen und das hat mir zu denken gegeben. Vor einer Weile habe ich meinen Account quasi Reset-tet und im ‚protected‘-Mode wieder gestartet. Die Gründe dafür erzähle ich gern auf persönliche Anfrage. Davor war ich mit rund 1000 Followern unterwegs, die zwischenzeitlich jede Äußerung von mir aufgriffen und darauf reagierten. Ich sag nur: ‚Hach!‘. Das war nett, das war irgendwie schön, zu wissen glauben, dass mir so viele Leute ‚zuhören‘, dass sogar Einsilbiges kommentiert wird.

Nach der Umstellung konnte ich zweierlei beobachten. Zum Einen hat mir anfangs diese große Aufmerksamkeit ein wenig gefehlt. Aber nur kurz. So stabil ist mein Ego dann doch, dass ich von dieser Aufmerksamkeit nicht abhänge. Zum anderen hatte ich den Eindruck, dass je mehr Follower man hat, desto eher wollen andere einen in Gespräche verwickeln. Wozu? Um die Aufmerksamkeit all dessen anderer Follower auf sich zu lenken?! Naja, das sollen andere beantworten.) Jedenfalls ließen die Reaktionen auf die kleinen Äußerungen merklich nach.

  7 comments for “Social Ikarus

  1. 7. März 2010 at 16:48

    Schöner Beitrag Carsten… ich finde mein „neues Leben“ mit meinem neuen twitter-Account viel angenehmer als vorher… die Followerzahlen wachsen zwar noch… langsam… aber ich habe doch irgendwie meine Ruhe… ich twittere wann und wo ich will… was ich will und nicht das, was die Follower lesen möchten. Zwar ist mein account auch diesmal wieder offen… aber es ist wirklich viel entspannter… Hach… lass uns feiern! ;-)

  2. Ina
    7. März 2010 at 17:21

    Julia,
    ich hätte es besser nicht sagen können. Mir geht es genau so. Die passenden Worte hast du da gefunden :)

  3. 7. März 2010 at 17:35

    Hallo,

    sehr gute Beitrag.
    Ich twitter auch nur mit einem geschützen Account.

    Es verwundert mich immer wieder, wie viele Menschen ihr Seelenleben der weiten Welt ausschütten…

    Auch ich nutze Twitter und co sehr oft, bin trotz alle dem immer mit einer großen Skepzis unterwegs…

  4. Ludren
    7. März 2010 at 17:53

    Die meisten Follower sind sowieso Spam Bots ;)
    Man muss sich hält überlegen wen man akzeptiert und warum

  5. 7. März 2010 at 21:49

    Namt,

    die Nummer mit der Followerzahl rührt aus einem einfachen und immer wiederkehrenden Prinzip. Kleines Beispiel:
    Person A (120 Follower)
    Person B (1432 Follower)

    Person A verwickelt Person B immer wieder in Konversation in dem Glauben, dass die Timeline von B dadurch auf A aufmerksam wird und somit letztlich seine Followerzahl steigt. Und diese Denke ist sehr häufig verbreitet. Klingt blöd, ist aber so ;o)

    Im Social Web ist es doch eigentlich genauso wie überall, die wirklich wichtigen Sachen werden hinter den Kulissen gemacht. Bin gespannt, wann es auch der letzte Honk verstanden hat. Oder wie Oma immer gesagt hat: Jeden Tag steht ein Dummer auf ;)

    in diesem Sinne, angenehmes Twittern weiterhin

  6. 25. März 2010 at 19:55

    Danke für den tollen Beitrag. Sehe ich genau so und kenne das Gefühl, wenn man fast schon im Rausch in Richtung Sonne aufsteigt. Man muss sich, wie du sagst, immer wieder die Frage stellen, ob man all das preisgeben möchte. Ich habe bemerkt, dass nach einer gewissen Rumspiel-Zeit klar wird, wo man hin möchte :)

    • admin
      25. März 2010 at 21:05

      Wohl dem, der die Kurve kriegt! :-)

Schreibe einen Kommentar zu der WebArchitekt Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.