Wie ich Rosi von Stuttgart nach Frankfurt überführt habe

Es begab sich im ausgehenden Sommer des Jahres 2009, als Herr Sauer mal wieder einen Umzug vor dem Bug hatte. Die Frage tat sich auf: Was tun mit Rosi (Langname ‚Rosinante‘), meinem Roller? Er, also sie hatte mir in Stuttgart stets gute Dienste geleistet aber ich war nicht sicher, ob ich sie in Frankfurt würde verwenden wollen würde. Und da ich nach dem Umzug ohnehin noch ein paar Wege in Stuttgart habe erledigen müssen ließ ich sie zunächst dort stehen und so schaute sie dem sich entfernenden Umzugswagen sicherlich traurig nach – mit einer Träne im Scheinwerfer.

Nach der Erledigung meiner verbleibenden Wege in Stuttgart und der Feststellung, daß sie mir dann doch fehlt und mir in Frankfurt gute Dienste leisten würde beschloß ich sie tatsächlich nach Frankfurt zu holen. Aber wie? In den Zug mitnehmen konnte ich sie nicht und ein Transport auf einem anderen Kraftfahrzeug stand nicht zur Debatte. Also entschied ich, sie selbst zu überführen. Ja, richtig gelesen. Ich wollte sie nach Frankfurt fahren.

Zu Rosi muß man wissen: Sie ist eine 50er, d. h. bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit beträgt 45km/h. Distanz Stuttgart Frankfurt: rund 200km. Get the picture? Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, die Fahrt in zwei Etappen zu unterteilen. Es wurden drei. Nunja.

Etappe 1: Stuttgart – Sinsheim
Am frühen, wirklich frühen morgen bin ich von Frankfurt nach Stuttgart aufgebrochen, weil ein Jour Fix abgehalten werden wollte. Mittags reiste ich dann zusammen mit einem Kollegen nach Frankfurt für ein weiteres Meeting. Da dieses schnell erledigt war, entschied ich spontan die erste Etappe in Angriff zu nehmen. Wie weit ich kommen würde war mir noch nicht klar, ich rechnete damit die Überführung in zwei Etappen hin zu bekommen. Ich fragte meinen Kollegen beim Aussteigen (wieder) in Stuttgart noch schnell, auf welche Bundesstraße ich müsse, um mich gen Norden zu bewegen und bekam als Antwort die B39 genannt. Top Vorbereitung, was? Nun muß man wissen, daß die B39 gleich mal eine Kraftfahrstraße ist auf der ich mit Rosi gar nicht hätte fahren dürfen. Daß ich dort tatsächlich nichts zu suchen hatte wurde mir klar, als ich zu meiner Rechten eine zweispurige Auffahrt hatte auf der einige PKW mit ca. 80-100 km/h auf die Straße aufschossen und ich von links von einem Autotransporter überholt wurde. Und obwohl ich nicht wirklich gläubig bin war ich für gefühlte 30 Sekunden dem Beten nahe.

Während ich erwartet hatte, auf dem Land den schönen Ausblick während der Fahrt zu genießen stellten sich diese Passagen dann zäher dar, als ich es mir vorgestellt hatte. Und wenn es dann mal wieder einen Kilometer vorhersehbar geradeaus ging schaute ich mich um, ob mich auch niemand beobachtete und nahm spontane Versuche durch Kopfeinziehen meine Endgeschwindigkeit um ein paar Zähler zu erhöhen. Es blieb bei 45km/h.

Nach einer Weile dämmerte es langsam und die Temperaturen nahmen empfindlich ab. Beides waren ganz, ganz blöde Faktoren, die meine Reise nicht gerade begünstigt haben. Meine Finger wurden kalt und das verschmutzte Visier wurde mehr und mehr zum optischen Erlebnis. Zu allem Überfluß machte mein iPhone, mit dem ich navigiert hatte langsam schlapp. Da die Aufnahme des Überführungsprojekts spontan erfolgte hatte ich es nicht frisch geladen bevor ich aufgebrochen bin. Und wir sind zwar mitten in Europa in Deutschland, aber wenn die Finger steif sind und man kaum noch etwas sieht – erst recht, wenn einem Fahrzeuge entgegen kommen – setzt das Grübeln ein.

Und so kam es, wie es kommen muß: Kurz hinter Sinsheim habe ich mich dann verirrt und die Kälte hat mich auch nicht gerade motiviert große Umwege zu riskieren – die hatte ich schon zu Beginn der Fahrt. Und nach Frankfurt mußte ich ja auch noch irgendwie kommen. Und da irgendwann der letzte Zug in die Richtung fährt habe ich umgedreht, habe Rosi am Bahnhof dort geparkt und bin in den Zug gestiegen.

Die beiden verbleibenden Etappen  Sinsheim – Heidelberg und Heidelberg – Frankfurt verliefen dann recht ereignislos. Als ich schließlich in Frankfurt ankam und bei der an diesem Abend stattfindenden Twitter-Lesung eintraf fragte jemand seine (mir bekannte Begleitung): Ist das der Spinner? Sie grinste nur. Daß der vermeindlich hartnäckige Schmutz auf dem Helmvisier mit klarem Wasser problemlos abzuwaschen war und daß ich Handschuhe im Fach beim Lenker hatte sollte ich erst am Ziel in Frankfurt erfahren.

  11 comments for “Wie ich Rosi von Stuttgart nach Frankfurt überführt habe

  1. 7. Oktober 2010 at 20:59

    Kannte die story ja schon. Bekannter von mir sagt in solchen Fällen immer (er ist Ami und spricht exzellent deutsch und ironisch): „Heldenhaft.“ ;)

    • Karsten Sauer
      8. Oktober 2010 at 08:44

      Ich kam mir auch ziemlich heroisch vor! (Achtung, ironischer Unterton)

  2. 7. Oktober 2010 at 21:36

    lol, du spinner. geiler move! Meinst du das Ding schafft es nach Italien?

    • Karsten Sauer
      8. Oktober 2010 at 08:44

      Und zurück, Baby!

  3. ichhebgleichab
    7. Oktober 2010 at 21:58

    Manche sind anscheinend etwas verpeilter als andere *ggg*
    Unglaublich! Warst du da 14?

    • Karsten Sauer
      8. Oktober 2010 at 08:45

      Ich bin nur konsequent! ;-)
      14? Nee, 36.

  4. 8. Oktober 2010 at 00:16

    Warum eigentlich nicht?! Prima Erlebnis und es gibt Leute, die machen ähnliche Touren auch mit dem Rad.

    • Karsten Sauer
      8. Oktober 2010 at 08:46

      Ein Erlebnis war es allemal. Ich hatte da wirklich meditative Momente auf dem Bock. Und Angst!

  5. 8. Oktober 2010 at 09:00

    Da geht man den Freitag doch gleich noch ein wenig entspannter an, danke.

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