Legosteine in Glaskugeln

In den letzten Wochen ist wieder viel grundsätzliches über Social Media geschrieben worden. Es gab den Abgesang, die Relativierung , das Beklagen über Mittelmäßigkeit, und sicher einige weitere. Ich bin froh, dass sich die Sichtweise auf die Bedeutung von Social Media endlich relativiert, denn ich denke das Thema wurde heißer geredet als es ist und nun wird die übermäßig hineingeblasene Luft wieder korrigierend abgelassen. Gut so.

Versteht mich nicht falsch: Das Thema ist heiß, aber eben nicht so sehr wie es viele Agenturen und Berater gern hätten. Es wird zur Normalität. Es war eigentlich schon normal, nur die Berichterstattung darüber überhitzt. Aber wie konnte es eigentlich soweit kommen? Wie kann man sich bei einem solchen Thema so verschätzen? Wie kommt es, dass beim Thema Social Media so viel gefremdelt wird und jedem, der schreit, er habe etwas entdeckt oder verstanden (so wie ich gleich) so viel Gehör geschenkt und die Aussagen lautstark bestärkt oder eben niedergeschimpft?

Ich komme mehr und mehr zu der Überzeugung, dass es für all die Mythen, Verirrungen und unterschiedliche Wahrnehmungen eine einfache Erklärung gibt. Sie erscheint mir selbst schon fast zu einfach, so dass ich ihr ein wenig misstraue, aber vielleicht taugt sie als Erklärungsansatz. Ok, here we go:

Ich bin der Uberzeugung, dass jeder gesunde Mensch mit einem gewissen Vermögen an emotionaler Intelligenz geboren wird. Der eine mehr, der andere weniger, aber alle mit einem ausreichdem Satz der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, empathisch zu sein und nicht nur die eigenen Gefühle zu sehen. Die des Einzelnen aber auch die von Massen. Nun verändert sich diese Fähigkeit im Grunde nicht im Laufe des Lebens, sie wird nur aberzogen und von anderem, vermeindlich besserem Wissen verdeckt und gedämpft. Sei es zum einen in der Kindheit durch Eltern, Freunde, Lehrer und andere Bezugspersonen, zum anderen später durch Ausbildung und Studium, wo Zahlen, Daten und Fakten zum allesbestimmenden Wahrheit werden.

Entering Social Media.

Auf Twitter, Facebook und co. dreht sich aber nun mal alles um Gefühle und Beziehungen. Es wird kommuniziert, sich verbunden, sich geblockt und aufgeregt – das ganze Spektrum des menschlichen Miteinanders. Und da steht man mit der tradionellen Firmensicht natürlich erst mal blöd da und muss diese beiden Welten zusammen bringen. Und dann gibt es eben jene, die sich ihren EQ durch alle Prägungsmühlen hinweg erhalten haben und die beide Welten verstehen und zusammen bringen können. Sie verstehen, welche Mechanismen dort greifen, wie Wahrnehmungen sind, welche ungeschriebenen Gesetze dort gelten und haben ein Gespür dafür, was man dort anstellen kann und was nicht. Vor allen Dingen wissen sie auch, was kontrollierbar ist, und wo man einfach nach einem Testballon abwarten muss, wie sich die Meute verhält. Das kann ja je nach Tagesform, Mondphase und politischer Situation variieren. Manchmal auch deshalb, weil der Guru, dem sonst alle gleich hinterher reden gerade offline im Urlaub weilt und darum die Wahrnehmung und Wertung nicht in seinem Sinne beeinflussen kann.

Schlau daher geredet, Herr Sauer, aber was macht das Thema jetzt so heiß?

An Social Media kommt keiner mehr vorbei. Die gesellschaftliche Durchdringung ist mittlerweile so groß, dass sich im Prinzip jeder damit auseinander setzen muss. Nicht zuletzt deswegen, weil auch Passivität nicht vor Präsenz auf den einschlägigen Plattformen schützt. Und in dieser Not treffen jene, für die dieses Wirrwarr an Beziehungen allenfalls suspekt und nebulös ist auf die Notwendigkeit, sich damit womöglich aktiv auseinander setzen zu müssen. Und das mitunter mir dicken Budgets, die ausgegeben werden wollen. So will es der neue Plan! Und das ist dann die Stunde jener, für die Social Media ein bitgewordener Traum ist, weil sie die IT-gestützte Flut von Beziehungen faszinierend und bereichernd empfinden und dort zuhause sind. Für diese Menschen haben all die Dinge die auf den Social Media Plattformen passieren Struktur, Tiefe, Temperatur und eigene Impulse und Energien. Sie können sich in die verschiedenen Rollen hinein versetzen. Für diejenigen allerdings, deren EQ über die Zeit verlustig gegangen ist entzieht sich diese neue Welt jeder tatsächlichen Greifbarkeit. Sie versuchen, sich mithilfe von gelernten Modellen an diese neue Welt anzunähern und gerade schnell an ihre Grenzen. Es ist so, als ob die einen mit Legosteinen hantieren und Gebäude errichten können wohin gegen andere diese Strukturen im wahrsten Sinne des Wortes nicht be’greifen‘. Es ist, als ob sie Legosteine in Händen halten, um die eine Glaskugel gesetzt wurde. Es wird mit Abblendlicht gefahren, wo es Fernlicht braucht. Es wird mir einem Auge geschaut, wo es zweier bedarf.

Und dann? Dann wendet man sich eben an jene, die von sich behaupten, das Thema zu begreifen- und sei es nur, weil es der CEO auf die Website hat schreiben lassen. Da vieles das meiste in dieser Arena aber soft ist und schlecht bewiesen oder widerlegt werden kann tummeln sich hier halt auch einige, die selbst die Glaskugel in der Hand halten – dies aber vielleicht gar nicht merken. Und deshalb ist der ‚Scheiss so heiss‘ – weil hier keine Fakten mehr herrschen, sondern viele unbewiesene Meinungen aufeinander treffen.

Love it!

Bild: @tspe. Großen Dank, Digga!

  5 comments for “Legosteine in Glaskugeln

  1. Jochen Bachmann
    30. September 2011 at 10:57

    Offtopic….aber wo bekommt man die coolen Legosteine her? :)

    • Ina Tarantina
      30. September 2011 at 20:47

      Schöner Beitrag!

      Die Steine waren Deko an Googles Messestand auf der dmexco…Hab auch die ganze Farbpalette :D

  2. 3. Oktober 2011 at 20:34

    Ich bin schon deutlich zufrieden, wenn all die Unternehmen, die in aller Eile ins 2.0-Universum rennen, ihre 1.0 Hausaufgaben erledigen.

    Zustimmung von mir.

  3. 10. Oktober 2011 at 09:14

    Hm, ja, ein Aspekt des Themas ist damit richtig gut erfasst. Andererseits: Ich kenne eine Reihe emotional hoch intelligenter Menschen, die sich dem Thema fast komplett verweigern. Das hängt sicher mit – in meinen Augen – übersteigerten Ängsten beim Thema Datenschutz zusammen. Aber auch mit dem Gefühl, es würde so viel „geplappert“ in den sozialen Medien, und dafür wäre ihnen die Zeit zu kostbar.

    Ich denke, was bei vielen wirklich noch nicht angekommen ist, ist die Tatsache, dass Kommunikation in sozialen Medien gar nicht anders ist als Kommunikation an sich. Für mich und viele andere lässt sich das eine gar nicht mehr vom anderen trennen.

    Was mich beschäftigt ist die Frage, wie ich Menschen, die ich sehr schätze und denen ich gerne auch im Social Web begegnen würde, dafür gewinnen kann – weil ich bereits merke, dass ich zu Menschen, mit denen ich online viel zu tun habe, stetigere und qualitätsvollere Beziehungen aufbaue als zu anderen.

    • Karsten Sauer
      10. Oktober 2011 at 10:02

      Ein ausreichend aktivierbarer EQ ist natürlich nur eine von verschiedenen notwendigen Vorraussetzungen.

      Mit deiner Frage zum ‚Hereinholen‘ von geschätzten Menschen beschäftige ich mich auch oft. Aber etwas besseres als aufklärende und relativierende Gespräche und hemmungsloses Ködern durch Inhalte wie Fotos, die nur Online zu sehen sind ist mir noch nichts eingefallen.

      Wie so oft ist hier der Grat zwischen überreden und überzeugen recht schmal. Bleibt zu hoffen, dass sie SoMe so nach und nach in die breite Bevolkerung sickern.

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