Meine re:publica 2013 #rp13

rp13Tag 1 nach der rp13. Heimfahrt gen Süden, Personen auf den Gleisen – vermutlich irgendwelche mindercleveren Vatertagsausflügler machen den Heimreisenden die letzten Meilen schwer. Was bleibt? Wie war es? Es war der Hammer! Es war inspirierend, lehrreich, hat meinen Horizont erweitert und mein Herz geweitet. Ich denke gerade darüber nach, was meine Hightlights waren.

Meine Highlights lassen sich aber schwer verbloggen. Es waren die vielen herzlichen Wiedersehen  – manche schon beim Wiedersehen, nachdem man sich am Vortag erst kennen gelernt hat. Das große Klassentreffen, das jedes Jahr den Kreis der Menschen erweitert, mit denen man ab permanent verbunden ist mal mehr, mal weniger. Und allein das lässt mich die Tickets für die rp14 buchen, sobald sie verfügbar sind. Jedes mal!

Das Herz öffnet sich weit und ist dann in gesteigertem Maße auch für Themen empfänglich, die leider keinen schönen Hintergrund haben. Emotionales Highlight war ganz klar die Session von Sascha Stoltenow und Thomas Wiegold über Digital Natives, die in den Krieg ziehen. Den Vortrag könnt ihr euch hier ansehen. Um was ging es? Es ging zum einen darum, dass die Werkzeuge des Social Web in allen Bereichen des Lebens und in diesem Fall des Sterbens angekommen sind. Taliban stellen Propaganda-Videos auf YouTube ein, Soldaten verwenden Facebook und Instagram, um ihren Alltag, das wofür sie stehen darzustellen.

Gruselig, was? Wie unverschämt! All die netten kleinen Werkzeuge, die wir so jeden Tag nutzen, um unsere Freunde und Bekannte mit lustigen Bildchen oder Essensfotos, albernen Videos und sonstigen Spaß zu unterhalten werden von Soldaten ebenfalls genutzt. In ihrem Fall halt eben, um zum Beispiel seine Waffen in Szene zu setzen oder eigene Filmchen über ihren Lebensalltag anzufertigen. Wir sehen die altbekannten, gewohnten Services und Apps. Jene, die wir jeden Tag selbst benutzen auf einmal in einem ganz anderen Zusammenhang und weil sie in diesem Fall Dinge abbilden, die so gar nichts mehr mit unserer sicheren und friedlichen Welt zu tun haben sehen sie damit irgendwie ihrer Unschuld beraubt. Zumindest war das mein anfängliches – zugegeben naives Gefühl – bei dem Gedanken.

oder für das deutsche Publikum bei Vimeo:

Die Digital Natives ziehen in den Krieg from Sascha Stoltenow on Vimeo.

Aber ist es nicht völlig selbstverständlich, dass diese Dienste Menschen in allen Lebensbereichen zur Verfügung stehen? Ja, das ist es. Nur habe ich nie darüber nachgedacht. Das hat sich mit dem Vortrag schlagartig geändert. Und dann schießen mir gleich noch weitere Gedanken, genauer: Fragen durch meinen Kopf. DÜRFEN die das? Ja, was denn – die Dienste nutzen? Klar. Die Dienste nutzen, um ihren Lebensalltag darzustellen? Na, hm, klar. Also eigentlich, also… hm, aber nur solange es mich nicht verstört. Oder so. Müssen da die Betreiber eingreifen? Ab wann? Auf welcher Grundlage? Was ist mit Zensur?

Wo ist da die Grenze zu ziehen? Ganz klar sehe ich sie dort, wo es darum geht allgemein nicht akzeptierte Inhalte zu zeigen. Schlimme Verletzungen, Leichen, Gewaltdarstellungen. Aber wie klar ist diese Grenzen denn? Komplett erschüttert hat mich ein Instagram-Foto, das den Blick eines Zielfernrohrs eines Scharfschützen zeigt. Im Fadenkreuz zu sehen ist der Hinterkopf eines Jungen, der von Statur, Alter und Haarfarbe mein Sohn hätte sein können. Das Bild ist mit den üblichen Filtern versehen und wie jedes andere Wolken-, Essens-, Landschaftsbild auch auf Instagram hochgeladen worden. DARF DER SOLDAT DAS? Darf er?

Es ist mir übrigens egal, von welcher Armee der Soldat war, der das Bild gemacht hat und ob es noch online oder wie auch immer ist. Es wird hunderte ähnlicher Bilder geben. Kann man es dem Soldat verdenken? Zum einen protzen die Armeen selbst mittlerweile offiziell (auch) online mit opulenten, pathosgeladenen Bilderwelten. Warum soll der einzelne Soldat an der Front es ihm nicht gleich tun? Zum anderen IST DAS eben die Lebenswelt dieses Soldaten. Ein Kind abzubilden, das durch einen Fingerstreich eines Soldaten vielleicht gleich nicht mehr am Leben ist geht mir allerdings deutlich zu weit. Aber das ist aus meiner bequemen, versorgten Arbeitnehmersicht in Deutschland leicht so zu äußern.

Die Situation wäre ja nicht besser, wenn es diese Art von Content auf unseren geliebten Netzwerken nicht gäbe. Dinge passieren auch ohne dass sie jemand postet, kommentiert und Bilder mit neckischen Filtern versieht. Aber das Wissen, dass es auf unserem Spaß und Kurzweile-Spielplatz geschieht macht das persönliche Abgrenzen von diesen Dingen schwerer. Nachrichten im TV sind schnell weg geschaltet, aber Instagram gebe ich deswegen nicht auf. Überspitzt formuliert habe ich in einem anschließenden Gespräch: „Das stört mich beim Verdrängen.“. Wie gut es uns doch geht.

Sascha und Martin hatten zu Beginn ihres Talks klar gemacht, dass sie keine Antworten liefern werden, sondern den Blick auf etwas richten, was ganz einfach passiert und was man auch wahrnehmen sollte. Das Ziel war es Fragen aufzuwerfen. Und von denen habe ich einige mitgenommen. Und einen Kloß im Hals.

  3 comments for “Meine re:publica 2013 #rp13

  1. 13. Mai 2013 at 18:20

    Lieber Karsten,

    auch an dieser Stelle nochmal Danke für Deine offenen Worte und das darin enthaltene Lob. Trotz des ernsten Themas macht es mir Freude mit Dir darüber zu sprechen.

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