re:publica 2019 – kühle Sache

Die letzten drei Tage habe ich auf der re:publica 2019 verbracht und folgenden Tweet bei der Abreise abgesetzt, der zwei meiner geschätzten Follower veranlasst hat, mich um einen etwas ausführlichen Kommentar zu bitten.



Ich kann von Glück reden, früh in diese ganze Twitter/re:publica-Geschichte gerutscht zu sein. 2011 war es dann, dass ich zum ersten Mal Sascha Lobo reden hörte und ich schmeiße mich innerlich immer noch über seine „Jüngsten Erkenntnisse über die Trollforschung.“ weg. Irgendwann betrat dann Gunter Dueck die Bühne „Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem“ und der Rest ist Geschichte.

Damals™ war Twitter noch so wenig verbreitet, dass man gefühlt 90% der Teilnehmer, mit denen man interagierte, in Berlin getroffen hat. Man hatte das Gefühl: Die twittern alle hier! ‚Alle‘ waren damals übrigens noch ca. 3.000 Teilnehmer.

Die Location Friedrichsstadtpalast in Kombi mit Kalkscheune war sicher nicht ideal, aber durch die Hotspots kam doch Marktplatzgefühl auf. Der Umzug in die Station war schon eine Umgewöhnung, aber die langen, gemeinsamen Abende im Innenhof konzentrierte die Meute noch mehr. In Grüppchen von geschätzt 5-20 Leuten stand die Stuttgarter Meute, da die Münchner, hier die Frankfurter usw. zusammen und man marodierte im Laufe des Abends über den Hof und herzte Menschen, die man den Rest des Jahres nur als Tweet erlebt. Das war toll und zog sich in der Regel über Stunden!

Mittlerweile sind es zig-mal so viele Teilnehmer – letztes Jahr fast 20.000 – und die bekannten Gesichter verlaufen sich zum einen in der Menge, zum anderen haben manche schlicht das Interesse bzw. die Wertschätzung für die Veranstaltung verloren und erschienen erst gar nicht. Letztes Mal, als ich da war, lief es schon so ab, dass ich einen Bekannten sah, der verschwand in der Menge und ich nahm mir vor, später mit der Person zu schwätzen. Leider habe ich sie dann oft nicht mal mehr wieder gesehen. Viele Talks und Sessions waren kaum besuchbar, weil man nicht mal in die Nähe des Eingangs kam, wenn man nicht eine Viertelstunde früher vor Ort war. Und selbst dann war es schwierig. Ja, gab es schon in der Kalkscheune, aber das hat sich leider verfestigt.

Und aus der kuscheligen Hof-Party ist eine verteilte, zersplitterte Veranstaltung geworden, die für mich keine Nestwärme mehr birgt. Und dieses Jahr empfand ich sowohl das Catering-Angebot als auch die Ausstattung mit Sitzgelegenheiten im Hof schlechter als in den Vorjahren.

Es sind letztlich 2 Dinge, die ich positiv in Erinnerung halten werde: Zum einen die Talks, die ich besucht habe. Ich fand sie großartig und unterhaltsam, insb. Lobo, Dueck, SoMe Recht etc. Zum anderen gab mir die gesunkene Anzahl an Kontakten, die ich getroffen habe, die Gelegenheit, mal intensiver mit denen zu sprechen, mit denen ich sonst nur im Vorbeigehen ‚Hallo‘ gesagt habe. Und so fahre ich leider auch dieses Jahr ohne das wohlige Gefühl der ersten re:publicas, verfalle in keinen Blues und sehe einer Teilnahme an der rp20 erst mal neutral entgegen.

Schaumerma.

Update 9.5.: Nachdem ich noch mal eine Nacht drüber geschlafen und u. a. über diese Reply nachgedacht habe, komme ich zu dem Schluss, dass ich wohl übermäßig nostalgisch an den ersten Jahren gehangen habe und so ein bisschen Verweigerungshaltung gegenüber der Veränderung hatte – eigentlich untypisch für mich. Die re:publica verändert sich, entwickelt sich weiter und die Menschen tun es. Und das ist gut so. Und wenn es nicht mehr passt muss man halt schauen, ob man sich mit dem Neuen anfreunden kann. Love it, change it or leave it.

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